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Patient genesen - Klinik tot

(NRZ Lokalredaktion Essen vom 14.06.2006)

Heute verlassen die letzten Patienten das Bethesda. Es bleiben verunsicherte Menschen und viele Fragen

Was jetzt? Die Zigarette danach. Krankenschwester Gesine Schirlo hat gerade ihre Patientin verabschiedet und zündet sich erstmal eine an. Margarete Jung kann sechs Tage nach ihrer Oberarm-Operation nach Hause gehen. Die 51-jährige aus Dellwig ist die letzte Patientin, die die chirurgische Station C1 des Borbecker Bethesda-Krankenhauses verlässt.

Jetzt sitzen sie da - sechs Frauen um die 50 Jahre, erfahrene Pflegekräfte - in jenem Dienstzimmer, das 35 Jahre lang keine wirklich ruhige Minute kannte. "Vor zwei Wochen noch war die Station noch mit 35 Patienten voll belegt", erzählt Georgia Tasner. Geblieben ist ein Dankeschön-Blumenstrauß, der noch auf der Fensterbank steht. Leere Zimmer, leere Betten

Jetzt werden die letzten Befunde in Margarete Jungs Krankenakte einsortiert, dann ist die Arbeit der Krankenpfleger getan. Stille kehrt ein auf der Station, so wie im ganzen Haus, das einst für 400 Betten errichtet wurde und in dem gestern noch zwei Betten belegt waren: für zwei Patienten hat sich der Auszug um 24 Stunden verzögert. Auf Station C1 schiebt Gesine Schirlo das leere Bett, in dem Margarete Jung gelegen hat, durch den Flur zum Aufzug. Es kommt in die Bettenzentrale, zu Hunderten anderen leeren Betten. Die Dreibett-Zimmer sind leer. Leer wie der Belegungsplan mit dem einsamen Pappkärtchen, auf dem noch "Jung" steht. Daneben räumen Gabi Skowronek und Dörte Mehltretter die Medikamente aus dem Schrank: Die Domapotheke sammelt nicht mehr benötigte Arzneimittel ein. Hier werden nie mehr Pflaster geklebt, Spritzen gesetzt und Antibiotika verabreicht. Die Krankenversorgung im Borbecker Bethesda-Krankenhaus ist Geschichte.

Auf dem Klageweg zurück zum alten Arbeitgeber?
 

Und jetzt? "Von uns hier hat noch keiner einen neuen Job", sagt Helene Duda (54). Sie schüttelt den Kopf: Seit 33 Jahren arbeitet sie als Pflegerin. Bis 1992 im Bedingrader Franziskushaus. Nur drei Straßenbahnstationen entfernt stand das Essener Krankenhaus, das damals geschlossen wurde. Dann war sie am Borbecker Philippusstift beschäftigt, bis das katholische Haus 1999 eine enge Zusammenarbeit mit dem evangelischen Bethesda-Krankenhaus beschloss. Die Chirurgie wurde im Haus am Fliegenbusch konzentriert, mit einem Überleitungsvertrag kam sie hierher. Jetzt will sie wieder zurück. "Dafür gehe ich auch vor Gericht", kündigt sie an und ist damit nicht allein. Nach Angaben von Thomas Arntz, stellvertretender Vorsitzender der Mitarbeitervertretung werden rund 100 Arbeitskräfte auf Einstellung am Nachbarkrankenhaus klagen. Etwa ebenso viele, so seine Schätzung, werden vom Arbeitsgericht überprüfen lassen, ob ihre Kündigung rechtens ist.

Auf dem Tisch neben Aschenbecher, Mineralwasser, Obstschale und Kaffeetasse liegt ein neues "Mitarbeiter-Rundschreiben", das für die Bethesda-Beschäftigten neue Fragen und Ungewissheiten aufwirft, die sich addieren lassen zu dem ganz großen: "Und jetzt?"
 
Das sie als Pflegekräfte künftig jeden Tag von 7.30 Uhr bis 16.15 Uhr arbeiten sollen - Archiv-. und Aufräumarbeiten - stinkt ihnen. Ganz egal, ob sie vorher Früh-, Spät- oder Nachtschicht gemacht haben.   Genau wie der Umstand, dass es zunächst keine Abfindungen gibt für die Mitarbeiter. Darüber soll irgendwann ein Treuhänder entscheiden. Wenn klar ist, ob und wie viel das Land zur Abwicklung der Krankenhausschließung zahlt. Wenn klar ist, was der Verkauf von 3,3 Hektar großen Grundstücks gebracht hat - abzüglich des 1,5 Millionen Euro teuren Abrisses des Krankenhauses.
 
Fragen, auf die es heute keine Antworten gibt, nur mehr oder minder konkrete Ideen, deren juristische Standfestigkeit vor Gericht geprüft wird. Nach der Überzeugung des Arbeitsrechtlers Christian Nohr hat das Gedankengebäude der Bethesda-Geschäftsführung bereits jetzt Risse. Das Bethesda droht zum arbeitsrechtlichen Zombie zu werden, der auch nach seinem Ableben noch lange Jahre die Arbeitsrechtler beschäftigen wird.
 
Der Lohn wird gezahlt, der Arbeitsplatz ist weg.   Das Problem der Schließung: Sie kommt - schon rein kalendarisch - zum falschen Zeitpunkt. Viele Mitarbeiter sind unbefristet beschäftigt - und können erst zum Jahresende entlassen werden. Die Folge: Sie müssen noch ein halbes Jahr entlohnt werden, obwohl es de facto in dem Krankenhaus nichts mehr zu tun gibt. Außer Akten sortieren und Rasen mähen, zum Beispiel Tätigkeiten, die Pflegekräften rechtlich nicht zuzumuten sind, so die Sicht von Arbeitsrechtler Nohr.
 
Dass die Gehälter dennoch gezahlt werden können, obwohl das Haus bereits geschlossen ist, verdankt das Krankenhaus vor allem den gesetzlichen Krankenkassen. Die zahlen für die im ersten Jahr erbrachten Leistungen zweieinhalb mal mehr Geld als wenn die gleiche Operation in einem anderen Krankenhaus stattgefunden hätte. "Für uns ist das immer noch günstiger, als wenn das Krankenhaus noch bis zum Jahresende gearbeitet hätte", rechtfertigt AOK-Geschäftsführer Rolf Buchwitz die deutlichen Mehrausgaben zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherten.
 
Immerhin belaufen sich die Gehaltszahlungen nach Schätzung von Bethesda-Geschäftsführer Jens Hasley auf rund 4,5 Millionen Euro. Und je nach dem, wie die Arbeitsgerichtsverfahren ausgehen, könnten es sogar noch mehr werden. Arbeitsrechtler Christian Nohr, der 35 Bethesda-Beschäftigte vertritt, rechnet damit, dass das Haus womöglich sogar einige Mitarbeiter bis Ende 2007 wird bezahlen müssen.
 
Und dann? Es stehen Abfindungen und Gehaltszahlungen von rd. 10 Millionen Euro im Raum. Ob der Topf, der mit Landesmitteln, der Vermarktung des Grundstücks und der Veräußerung von Einrichtung und Technik gefüllt werden soll, dafür ausreicht, kann auch Geschäftsführer Hasley noch nicht beurteilen. Am 22. Juni werden die Gesellschafter die Situation beraten. Das sind die Diakoniewerke Wuppertal (51%) und Essen (31%), die ev. Gemeinde Borbeck-Vogelheim (7,3%) und der ev. Stadtkirchenverband (2,6%). Nach Auffassung von Arbeitsrechtler Christian Nohr müssten sie einspringen und die Abfindungszahlungen leisten. Nicht nach Abriss, Vermarktung und Landeszuweisungen. Sondern jetzt.

 

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